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Die Reihe Literatur zur Zeit ist aus der Schnittstelle zwischen Pop und Literatur gewachsen. Die von uns eingeladenen Autor:innen und vorgestellten Bücher müssen nicht unbedingt etwas mit »Popliteratur« zu tun haben, aber als Lesungs- und Gesprächsformat in einer Klubbar, in der Konzerte und DJ-Abende stattfinden, ist Literatur zur Zeit fest im Popumfeld verortet und mit einem Hauch Glamour gesegnet. Der schöne Laden existiert seit 1969, bis 2019 konnte man es sich im ursprünglichen Interieur samt lauschigen Séparées und einem glitzernden Kronleuchter bequem machen. Für literarische Abende schien die im leisen Verfall begriffene Location aber nicht gerade prädestiniert. Man musste schon ein bisschen spinnen, um sich Lesungen im King Georg vorzustellen.

Neben kuratorischer Abenteuerlust spielten wirtschaftliche Zwänge bei der Idee von Anfang an eine Rolle, im doppelten Wortsinne. Literatur zur Zeit sollte nach der programmatischen Neuausrichtung 2008 den Gastro-Umsatz vor den DJ-Sets für alle Unterderwoche-Thekenhocker, -Gelegenheitstänzer und -Decksharks am Donnerstagabend ankurbeln. Wie beim Auftritt einer Live-Band kann das Publikum bis heute während Lesung und Gespräch an der Theke Getränke bestellen, und die ersten zehn Jahre entsprach das Ambiente bei allem Sixties-Flair noch eher einem Punk-Schuppen. Das CBGBs für Lesungen? Lesen, Reden, Zuhören – es funktionierte jedenfalls immer schon sehr gut, die Gäste bleiben trotz der verlockenden Drinks bei der Sache. Und wenn im Anschluss noch gute Musik läuft, umso besser.

Einen Drink des Abends dürfen sich inzwischen auch die Autor:innen auf die Bühne bestellen, die Moderator:innen stoßen mit dem gleichen Getränk an. Diese Trinkpause ist in der Regel das einzige Showelement, das uns von den reinen Wasserglaslesungen unterscheidet. Man kann Literatur zur Zeit im King Georg trotzdem als Event bezeichnen, und wer sich einen Überblick über die ereignisreiche Historie verschaffen will, dem wird hier eine schöne Oberfläche samt (nicht vollständigem) Archiv der Veranstaltungsposter geboten. Die daneben stehenden assoziativen Textlein sollen dem Gedächtnis der Reihe nach und nach alte Moderationsfragmente und persönliche Erinnerungen hinzufügen.

Vor Ort sprechen wir traditionsgemäß konzentriert über Bücher und fragen uns, was sie mit dem wahren Leben zu tun haben. Online sollen ab 2026 regelmäßig neue Texte über Bücher und ihre Zusammenhänge stehen, egal, ob sie Teil der Lesungsreihe sind oder nicht. Das ist als Erweiterung der Bühne gedacht, die im King Georg geschaffen wurde, auch wenn es jene Bretter nicht mehr gibt, die wir anfangs tatsächlich aus dem Keller nach oben geschleppt und dort zu einer Art Podest zusammengebaut haben. Warum? Das eigene Lesen und Schreiben war mal der Ausgangspunkt für die Rolle als schwitzende Veranstalter (das Lampenfieber beim Moderieren sorgte auch bereits für manche Schweißperle, das nur nebenbei). Schließen wir einfach ein paar Kreise und betrachten die Kombination aus Buchbesprechungen und Veranstaltungen auch als fortlaufenden Beitrag zur laufenden Debatte über den Zustand der Literaturkritik.

Mitbegründer Peter Scheiffele ist 2015 gestorben. Seitdem organisiere ich mit Unterstützung aber weitestgehend allein weiter, was wir erst kurz vor seinem Tod gemeinsam Literatur zur Zeit getauft haben, um unter diesem Titel erstmals Fördergelder zu beantragen. Zahllosen Beteiligten hinter und vor den Kulissen habe ich zu danken – allen voran dem ehemaligen King Georg-Eigentümer André Sauer, dem jetzigen Betreiber Jochen Axer sowie Geschäftsführer Jan Vater. Aber ohne Peter gäbe es keine Literatur zur Zeit. Und dass es uns noch gibt, inzwischen ohne ihn, ist der traurige Kern der Herzenssache, die nicht zuletzt Zeugnis unserer Freundschaft ist. Natürlich würde Peter das hier skeptisch betrachten, auf seiner Kritik an ästhetischen Urteilen oder Pop-Inszenierungen bestehen. Die Auseinandersetzung mit seinen Positionen gehört für mich dazu. Peters wacher Geist bleibt Teil von Literatur zur Zeit.

Vieles hat sich geändert nach dem Eigentümerwechsel im sanierten und technisch modernisierten King Georg, das seitdem ein Jazz-Club ist. Wir sind noch da. Ob das eine gute Idee ist, soll jede Veranstaltung und jeder Text aufs Neue hinterfragen. Wer mehr über die Bedingungen wissen möchte, unter denen Literatur zur Zeit produziert wird, ist herzlich eingeladen, sich danach zu erkundigen. Wer die Reihe unterstützen will, kommt am besten vorbei oder berichtet darüber. Der monatliche Newsletter endet nicht von ungefähr mit den Worten: Spread the word! Auf der Homepage kann man ihn nun abonnieren und auch Tickets erwerben.

Im November 2008 war Thomas Meinecke unser erster Gast. Als Musiker, Plattensammler, Popmusikforschender, Feminist und experimenteller Autor stellte er quasi eine ideale Besetzung für die Premiere dar. Das Idealtypische an Literatur zur Zeit ließe sich für mich wiederum am ehesten durch die Offenheit des Formats definieren. Konzerte, Sachbücher, Romane, Gedichte, Lectures, Performances. Das Ganze lebt von der Neugier, inwieweit man künstlerische Werke und gesellschaftliche Themen als Unterhaltung weiterspinnen kann. Und nicht zuletzt von der Treue zum Versuch, diesem Anspruch gerecht zu werden. So gesehen spinnen wir einfach weiter.

Wolfgang Frömberg