Goldenes Buch

»Your book night is beautiful!« (IO Tillett Wright)

Nicht ohne euch:

Lars Fleischmann, Michaela Predeick, Simone Schlosser, Sonja Hempel, Miguel Ortiz Caturani, Matthew McDonald-Bates, Svenja Reiner, Insert Female Artist, Linus Volkmann, Katharina Kwittiseeds Schmidt, Thomas Venker, Kaput Mag, Christina Mohr, Christian Frings, Malte Meyer, Felix Klopotek, Christian Werthschulte, Denis Enyan, Kerim Butz, Lisa Heldmann, Basia Napora, Jan Vater, André Sauer, Jochen Axer, Max Bäumker, King Georg-Bar Staff, King Georg-Tür Staff, King Georg-DJs, alle weiteren Techniker*innen und Video-Leute, sämtliche beteiligte Verlage, Labels und ihre Mitarbeiter:innen sowie alle involvierten Booker:innen, Jan Lankisch, Philipp Carbotta, Holger Risse, Christian Schäfer, Elisa Metz, Sotiria Rula Loucopoulos, Jenna Körner, Suzie Kerstgens, Burak Fahri Içer, Rahel Scheiffele, Antony Fitzharris, Nora Wiedenhöft, Hannah Peters, Abdullah Emili, Christian Görlitz, Denise Oehmke, Julia Nitschke, Rezi Malzahn, Judith Süggeler, Bear Cave Studio, Thorsten Krämer, Paula Irmschler, Carmen Strzlecki, Freedom Sounds, Georgios Chatzoudis, Katja Garmasch, Sabine Krämer, Davi Dattel, Conny Lösch, Riddim, Daniel Werner, Prasanna Oommen, Bianca Cvetkovic, Parallel Schallplatten, Till Strasser, Bettina Fischer, Literaturhaus Köln, Lena Varas Arévalo, Lisa Klara Arndt, Nicole Wegner, Frederike Bohr, Masala Movement, Manoj Kurian, Burkhard Schirdewahn, Axel Stadtländer, Alfred Jansen, Phil, Marco Antonio Sanchez, Mike Litt, Fatma Erkus, Timo Kautz, Bert Kautz, Bunt Buchhandlungen, Nadine Müseler, Gerd Winkler, Kerstin Maida, Kulturamt der Stadt Köln, Robert Zwarg, Uh-Young Kim, Tim Jürgens, Şermin Usta-Konradt, A-Musik, Eva Becker, Milena Karas, Britta Tekotte, Clara Drechsler, Gerd Gummersbach, Akademie der Künste der Welt, Kunststiftung NRW, Jan Valk, Axel Fischer, Hermes Villena, Mario Lasar, Sophia Harriers, Andreas Krajewski, Leo Böll.
In Gedenken an: Tim Stüttgen, Mark Fisher, Kristof Schreuf, Jörg Waschat, Joachim Ody, Hans Mac Sauer, Peter Scheiffele.

Peter
This note’s for you

Nachruf vom 2. Oktober 2015

Es muss bei der ersten Begegnung vor gut zehn Jahren passiert sein, quasi auf den ersten Blick. Peter schiebt seinen Körper durch das Büro, in dem ich sitze, und betrachtet mich mit einer Mischung aus forschender Neugier und leichtem Spott. Als wollte er sagen: Was bist du für ein merkwürdiges Tierchen, und warum hockst du in diesem Loch? Dieser Blick lässt mich nicht los. Ich will wissen, was dahinter steckt. Er ist zum Glück nicht scheu.
Peter ist kein Typ für Oberflächlichkeiten, das ist schnell klar. Bald diskutieren wir nicht nur mit FreundInnen über Lebens- und Arbeitsverhältnisse – in langen Nächten, die wir alle gemeinsam an der Theke des Roten Platz im Kwartier Latäng verbringen. Die ständige Auseinandersetzung führt zu einer Beziehung, deren Intensität öfter mal weh tut. Es geht mit ihm nicht ohne schmerzhafte Momente. Peter sagt mal über einen Bekannten, er sei ein »unwahrscheinlicher Mensch«. Was auch immer das bedeuten mag, aus seinem Mund klingt es in der einen Sekunde wie ein Kompliment, in der nächsten wie eine Stichelei, dann wiederum wie eine wissenschaftliche Feststellung. Dabei ist er das ja schließlich selbst – ein unwahrscheinlicher Mensch.

Peter ist als junger Mann Sportler. Ein Athlet, den kaum einer seiner späteren Bekannten in ihm vermuten dürfte, auch mir ist das erst mal nicht so klar. Er spielt American Football, als Quarterback, bis ein Herzleiden diagnostiziert wird. Gegenüber Freizeitsport und körperlicher Ertüchtigung muss er daraufhin eine Trotzhaltung entwickeln. Sein Aktionsradius im »Veedel« ist streng abgezirkelt. Man kann Peter eine Weile fast nur in seiner Wohnung beziehungsweise im Büro in der Balthasarstraße, dem Stammlokal St. Angelo oder in der Klubbar King Georg antreffen. Immer dabei sind Handy und Lektüre, vor ihm steht ein Milchkaffe ohne Schaum oder eine Apfelschorle, daneben ein voller Aschenbecher. In den Nullerjahren, als ich noch mit ihm um die Wette rauche, schenkt Peter mir mein erstes Mobiltelefon. Einfach weil es ihn nervt, dass ich keins habe. Er packt die Bände des »Kapital« dazu. Peter ist der erste Marxist, der mein Freund wird. Wodurch ich eine Menge über Marxismus und noch mehr über Freundschaft lerne. Und der erste Freund, der stets einen Defibrilator bei sich trägt, gleich neben seinem großen Herz.

Während unserer Freundschaft verrichtet Peter, der in Wuppertal Soziologie studiert hat, verschiedene Jobs. Er arbeitet an der Uni, in der Kneipe Stadt Venlo, im Verlag der Buchhandlung Walther König, zuletzt kuratiert er große Teile des Programms der Akademie der Künste der Welt. Er schreibt an einer Dissertation über NGOs in Haiti, gibt Theoriebücher heraus und ko-übersetzt Mark Fishers »Capitalist Realism«. Peter und »Theorie« sind für mich untrennbar miteinander verbunden, nicht nur weil er Teil der Viererbande ist, eines Lesekreises, mit dem er unter anderem den Vortrag »Haitian Fight Song« erarbeitet. Eigentlich ist Peter ein recht pragmatischer Mensch, würde ich sagen. Für ihn ist Theorieproduktion aber nicht bloß Praxis im Sinne Althussers. Er will Theorie anwenden, wenn es sein muss mit der Faust. Für Peter ist alles Theorie, alles Alltag, alles Gesellschaft, wenn ich ihn richtig verstehe, er kann sich ja einfach und kompliziert ausdrücken. Er hat die Geschichte der Arbeiterbewegung verinnerlicht, soviel steht fest, und begreift das kulturelle Feld in gewissem Sinn als Acker, den es mit den Mitteln der Kritik und gegen die Regeln der Kunst zu durchpflügen gilt. Geschichte wird gemacht, das darf man nicht den Falschen überlassen. Was auch immer er tut, Peter vermittelt dabei den Eindruck, der »Chef« zu sein. Er kann tatsächlich viel, und man glaubt sofort ¬– alleine wegen seiner institutionskritischen und antiautoritären Haltung, die er mit ziemlicher Autorität ausstrahlt: »Wow, der kann echt alles!« Peter kann nur das nicht, was er nicht können will.

Peter ist ein Sturkopf, der einige Dinge nicht können will. Und damit meine ich nicht nur das Bezahlen der Filme und Serien, die er sich auf seine Festplatten lädt. Ich gehe einmal mit ihm ins Multiplex – und nie wieder. Die Filme, die im Cinedom laufen und auch die, die für die nächsten Wochen angekündigt sind, hat er alle schon gesehen. Das zieht er weiter durch, auch als er Post vom Anwalt bekommt. Diese Sturheit untergräbt hier und da seinen Pragmatismus. Er will sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht abfinden, weil der Kapitalismus eine dumme Idee ist, und in bestimmten Situationen will er nicht freundlich sein, weil ihm das zu dumm ist. Aber Peter ist nicht bloß ein Fuchs, der einen andererseits umso charmanter umschmeichelt. Peter ist ein sensibler Beobachter, der mit diversen Antennen ausgestattet ist. Er ist immer da, wenn man seine Analyse und seine Schulter braucht. Manchmal ist er da, bevor man merkt, dass man ihn braucht. Peter ist ein Freund, der einen ab und an mal ordentlich vor den Kopf stößt, wo es ein Klaps auf den Hinterkopf getan hätte. Aber er ist ein Kumpel, der einen nie im Stich lässt. Der zuhört, wenn man ihn stundenlang wegen einer Sache anschreit, für die er gar nichts kann, genauso wie er zuhört, wenn man ihn stundenlang wegen einer Sache anschreit, für die er etwas kann. Jede Sekunde, die man mit ihm verbringt, steckt voller Leidenschaft, selbst die Langweile wird von ihm leidenschaftlich zelebriert. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als er 24 Stunden am Tag mit seiner Spielkonsole beschäftigt ist. In einem Game muss er Müll sortieren. Wenn ich damals zuhause Abfall in den Mülleimer verfrachte, nenne ich das bereits »etwas in die Tonne scheiffeln.« Diese Zeit ist längst vorbei. Aber Peter ist eigentlich immer in meinen Gedanken. Er steht dort als intellektuelle Forderung und Provokation im Raum. Ich kann mir nicht vorstellen, was für Gedanken das ohne ihn sein sollen.

Vor etwa einem Monat stehen Peter und ich auf der Bühne im Literaturhaus. Zum ersten Mal sprechen wir gemeinsam öffentlich über eine »Reihe« von Lesungen, die wir zusammen seit 2008 in der Klubbar King Georg veranstalten. Die Zeit mit Peter im King Georg ist etwas Besonderes. So wie Peter sich kritisch in die Redaktionsarbeit einbringt, sobald man ihn als freien Autor um einen Text bittet, mischt er sich produktiv in die Abläufe des KG ein, ob es um Booking, Gastro- oder andere Organisationsfragen geht. Peter ist die Fülle des Betriebs, die Summe aller Teile, ohne ihn ist dieser Laden leer, auch wenn er voller Menschen ist. Als DJ legt er wunderbare Musik auf. Er mag Arbeiterlieder, Folk und Country. Musik, die von großer Verzweiflung und kleinen Glücksmomenten handelt – von Widerständen gegen eine Welt, die auf dem Kopf steht. Er interessiert sich für HipHop, Jazz, Improv und alles, was er nicht für reine Pose hält. Die Kulturindustrie« sieht er mit Adorno skeptisch, aber der alte Wiesengrund würde sich wundern, wie viel Popzeugs Peter mit dieser Einstellung hört und bewundert. Bei den Veranstaltungen kann er auf Inszenierung gut verzichten. Für ihn ist es wichtiger, dass die Vortragenden ihre Arbeit mit dem Publikum diskutieren. Peter übernimmt dabei oft die Moderation, und jede einzelne seiner eigenen Fragen dürfte wohl in nächster Zeit als Merve- oder Suhrkamp-Band erscheinen. Naja, Späßle, Dicker.

Ich finde es immer schön, Peter und Rahel und Rosa Scheiffele zusammen im »Veedel« zu sehen. Leider treffe ich die Familie viel zu selten. Ich habe Peter auch mit vielen anderen Menschen erlebt, die ihn lieben – und erlebe ihn auch mit ihnen nicht mehr so oft. Peter legt in letzter Zeit die Produktivität eines Menschen an den Tag, der nicht viel Zeit hat, all seine Pläne zu verwirklichen. Während ich mich wahrscheinlich noch weiter in mein Loch verkrochen habe als einst vor zwölf Jahren. In meinem Facebook-Profil steht Peter als »Bruder«. Er hat diesen Status irgendwann so eingestellt, das habe ich eine Weile ganz vergessen, jetzt macht er mich noch fassungsloser als ich eh schon bin. Mein Freund und Bruder Peter Scheiffele, der am 4. Juli 1971 in Ulm geboren wurde, ist in der Nacht zum 29. September 2015 in Köln gestorben. Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige bin, für den er weiter lebt. Peter kann und darf nicht sterben. Die Lücke, die er hinterließe wäre kolossal, so wie alles an ihm kolossal ist. Hey Peter, ich wünsche mir, dass du noch ein Lied für mich singst.

Wolfgang Frömberg