Beatriz Serrano »Geht so«
She prefers not to
»I was happy in the haze of a drunken hour/ But Heaven knows, I'm miserable now/ I was looking for a job and then I found a job/ And Heaven knows, I'm miserable now« (The Smiths)
Beatriz Serranos Debütroman »Geht so« beginnt mit der Beschwörung eines Geistes, der in einem Rabbit Hole des Internets nur darauf gewartet hat, von ihr wachgeküsst zu werden: Marina Joyce. Durch ihre Obsession mit der Youtuberin macht Serranos Ich-Erzählerin Marisa gleich klar, welche Rückkopplungseffekte Soziale Medien auf ihre eigene Lebenssituation als desillusionierte Mitarbeiterin einer Werbeagentur haben. Das hat Serrano geschickt eingefädelt.
Marisa ist ihre Erfindung, Marina Joyce gibt es wirklich. Vor einigen Jahren rankte sich auf Grund ihrer vermeintlichen psychischen Probleme ein Geflecht abenteuerlicher Verschwörungsmythen um sie – da war sie noch ein Teenager. Serrano, die ihr Geld als Journalistin verdient, nutzt den einstigen Internethype für ihre Zwecke und verdeutlicht dadurch, dass Social Media-Figuren selbst dann noch als Rolemodels taugen, wenn die Defizite ihres inszenierten Lebensentwurfs offensichtlich sind. Schlimmstenfalls erscheinen sie gar wie Spiegelungen der eigenen strukturellen Vorbildfunktion im Neoliberalismus - soviel dürfte die Autorin aus persönlichem Erleben wissen.
Andere Vorbilder dieser Art sind nämlich Leute wie sie selbst oder Marisa, so genannte Kreative, die in einem Milieu arbeiten, in dem alle ein potenzielles Hobby zum Beruf gemacht haben und so lange unter den schäbigsten Bedingungen mit viel Enthusiasmus zur Sache gehen, bis sie eventuell im totesten Winkel einer Branche landen, wo es nur noch um Kohle geht. Nicht nur Beauty-Bloggerin Marina Joyce, die gerüchteweise vom IS entführt und zu Internet-Beiträgen genötigt worden war, begegnet ihren Dämonen. Die im Marketing gestrandete Kunststudentin Marisa fühlt sich mitunter selbst so, als wäre sie ein gekidnappter Youtube-Star. Zwar ist Marisa keine Influencerin sondern bloß süchtig nach deren Content. Doch ihre Fans, falls sie welche hätte, könnten schließlich genauso gut vermuten, jemand zwinge sie, in die Agentur zu gehen. Ähnlich wie in Marina Joyce' Clips, so phantasiert sie während des Büroalltags, sei in ihren Meetings bei genauer Betrachtung stets ein stummer Hilferuf zu vernehmen: »Holt mich hier raus!«
Dabei scheint sie zur rechten Zeit am rechten Ort. Die Umstände erfordern jene Flexibilität und Selbstbezogenheit, die Marisa in Vollendung an den Tag legt. Bloß wozu? Die Entfremdung führt bei ihr zur Konzentration auf eigene Befindlichkeiten, gepaart mit extremer Sensibilität für die Verhaltensmuster der gesamten Belegschaft. Mittels ausgeklügelter Strategien, die man in keinem Karriere-Ratgeber findet, füllt sie die hohlsten Aufgaben mit zielführenden Handlungen. Alles dreht sich darum, den anderen zu suggerieren, sie leiste etwas Sinnvolles.
Marisas Office-Life ist bei aller geschilderten Absurdität höchstens so überzeichnet wie dessen reale Entsprechung auf jemanden wirken muss, der nie in solchen oder ähnlichen Zusammenhängen gearbeitet hat. Sie will diese Hölle hinter sich lassen und nie mehr arbeiten gehen, ja nicht mal mehr so tun als ob, weil auch die Vortäuschung falscher Tatsachen letztlich harte Arbeit ist. Die emanzipierte Karrierefrau, so könnte man es lesen, will sich der unauflösbaren Nebenwidersprüche entledigen und setzt die Verwirklichung einer universelleren Idee auf die To-do-List.
Um die Möglichkeit solidarischen Handelns anzudeuten, schließt Serrano Marisas Job nicht nur mit Youtuberin Marina Joyce' Geschichte sondern auch mit der Wirklichkeit von Arbeitskämpfen kurz. Aber der Humor bleibt stets so böse … man kann nur vermuten, dass tatsächliche Agenturerfahrungen auf Serranos Tätigkeit als Schriftstellerin abgefärbt haben. Kunst muss ja auch nicht milde sein, um als Gegengift zu funktionieren, Serrano weist mehr oder weniger unterschwellig drauf hin: Ausgerechnet in den Gemälden von Hieronymus Bosch im Madrider Prado lässt sie Marisa Zerstreuung suchen, und als Marisa den Kolleg:innen während eines Vortrags Drogen einflößt, kippt der Realismus der Erzählung noch ein Stückchen weiter in Richtung menschliche Abgründe.
Der Titel des 2023 erschienenen spanischen Originals bezieht sich viel genauer als seine deutsche Übersetzung auf ein aktuell herrschendes Lebensgefühl. Il descontento. Die Unzufriedenheit. Es meint nicht kollektives Aufbäumen, wir sind ja nicht mehr in den 1960ern. Dieses emotionale Grundrauschen entfaltet nur insofern noch eine politische Dimension, als es symptomatisch für die Folgen der Vereinzelung im System steht. Jede/r ist für sich unzufrieden. Da wären wir beim Haken dieser Abrechnung mit einem politisch forcierten Schlamassel frei nach Margaret Thatchers Credo »There is no such thing as society!«: Wie soll man etwas zum Besseren verändern können, das nicht mehr existiert – die Gesellschaft?
Marisa bringt den Sänger Morrissey ins Spiel. Dem Radikalindividualisten mit Wurzeln in der Working Class war die rechte Opposition gegen das Establishment seit jeher sympathischer als das groß- und kleinbürgerliche Mittelmaß oder die Royals, und den Union Jack schwang er schon auf der Bühne, bevor das »linke« Cool Britannia ihn in den 1990ern für sich entdeckte – aber Thatcher blieb ihm ein rotes Tuch. »Margaret On The Guillotine« lautete schon der Arbeitstitel des The Smiths-Albums »The Queen Is Dead« und schaffte es als Songtitel auf Mozzas Solo-Debüt. Was den Sieg des Thatcherismus und das Verschwinden der Gesellschaft angeht, darf Morrissey hier zumindest den tragikomischen Soundtrack liefern.
Der kleinste gemeinsame Nenner und der größtmögliche Unsinn fallen heute im Phänomen der Bubble zusammen, herrschenden Logiken und Logarithmen sei Dank, und Marisas Blase platzt schließlich, nachdem sie lange genug mit dem Finger auf andere gezeigt hat – so ließe es sich jedenfalls boshaft mit Serrano formulieren. Für Marisa kommt dies einer Rettung gleich. Anderen dürfte ihr Happy-End als derart personalisierte Utopie erscheinen, dass ihnen die vorangestellte Widmung »Für alle Menschen, die jeden Tag aufwachen und keine Lust haben, zur Arbeit zu gehen« umso bitterer aufstößt. Das Schicksal von Marina Joyce werden die meisten da längst schon wieder vergessen haben. So ist das nun mal mit den Geistern.
»Geht so« wirkt flüchtig wie die Welt, von der zu handeln der Roman mitunter ganz erfolgreich vorgibt, und ist über weite Strecken so unterhaltsam wie deren absurdeste Zustände. Schadet nichts, das gelesen zu haben. Heaven knows, we were miserable before.