Thomas Pynchon »Schattennummer«
Er sieht was, das wir nicht sehen
Er sieht was, das wir nicht sehen
»…what he really wanted to do with his life was be a writer, and that is what he became.« (Thomas Pynchon über George Orwell)
Als ich gebeten wurde, auf dem Festival der Fotografie, Poesie und KI etwas zum Thema Die Wirkungsmacht der Sprache beizusteuern, musste ich zunächst an Martin Eden denken. Jack Londons Roman über einen Matrosen, der auf jene schiefe Bahn gerät, die steil nach oben führt. Einen Milieuwechsler, wie er heute in so manchem Buche steht, seit der Philosoph Didier Eribon seinen eigenen Aufstieg aus der provinziellen Arbeiterklasse in die akademischen Kreise von Paris unter dem Titel Rückkehr nach Reims zum Bestseller machte.
Auf die Herkunft aus der Unterschicht herabschauen, wie Eribon es tut, um die dortige Beliebtheit der rechten Parteien zu erklären, die in Wahrheit so lange vom wirtschaftlichen Establishment hofiert werden, bis die Mehrheit der Arbeiter:innen und Abgehängten sie wählt, ein in Deutschland inzwischen wieder sehr akutes Phänomen –, das käme einem Martin Eden nicht in den Sinn. Jack London zeichnete seinen (Anti-)Helden als von Männlichkeitsidealen und tiefsitzender Wut über ungerechte Verhältnisse getriebenen Schriftsteller, der den Eliten des Bildungsbürgertums ein, zwei Kleinigkeiten voraushat: Die Fähigkeit, sich eigene Gedanken zu machen etwa – und ein Übermaß an Leidenschaft.
Martin Eden kapiert schnell, dass er sich die Sprache der herrschenden Klasse aneignen muss, um als Autor ernstgenommen zu werden, woraufhin er seine Originalität wortreich zu vermitteln sucht, während er realisiert, dass er trotzdem keine Chance hat, Gehör zu finden. Edens späte Anerkennung als Autor mag seinem vorherigen Durchhaltevermögen oder bloßem Zufall geschuldet sein – Jack London lässt es offen –, doch im Gegensatz zum echten Menschen Didier Eribon begreift die Kunstfigur sich als identische Person, ob als unveröffentlichter Underdog oder als intellektueller Superstar. In dem einen, Eden, schüren die literarischen Triumphe Verbitterung, während der andere, Eribon, seine herkunftsbedingte Bitterkeit in Erfolg ummünzt.
Aber wenn die Sprache als Mittel zur Flucht vor den Verhältnissen dient – sei es nun soziologischer oder poetischer Eskapismus –, so enthält sie auch deren Kern. Und dieser Gedanke führte mich zum Autor Thomas Pynchon, der einst wie Martin Eden zur See fuhr und wie Eribon an der Universität studierte – und in dessen Werk, das er recht beharrlich für sich sprechen lässt, die Poesien von High, Pop- und Counterculture in einen formalen Demokratisierungsprozess gleichberechtigt einen Text bilden, der manchen oberflächlich, manchen unendlich tief, den meisten jedoch wie ein literarisches Spiegelkabinett vorkommen dürfte, in dem man alles zu sehen vermag, nur nicht Pynchon selbst bei der Reflexion seiner Person.
Während der Pynchonsche Text die Frage erlaubt, wer wirkmächtiger ist – er oder der Diskurs, aus dem er sich speist –, beantwortet sein Autor ganz ohne Worte seit Jahrzehnten eine Frage, die unlängst auf einem Panel zum manipulativen Einsatz Künstlicher Intelligenz in den Medien gestellt wurde: Wem gehört mein Gesicht? Außergewöhnlich ist nicht allein Pynchons Verschwinden hinter einem Werk, das überdeutlich von seiner künstlerischen Handschrift geprägt ist, seine Bekanntheit kommt uns heute umso merkwürdiger vor, da der altmodische Schriftsteller sie auch langjähriger Verweigerung jeglicher Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken hat. Keine Fotos, keine Interviews, keine Lesungen.
Mit »Shadow Ticket – Schattennummer« legte der »große Unbekannte« unlängst seinen inzwischen neunten Roman vor. In bewährt referenzreicher Weise schildert er eine Suche, die nie ans Ziel führt – mit reichlich Käse on top. Ob die Rufe nach dem Literaturnobelpreis für den fast Neunzigjährigen wohl wieder lauter werden, in der leisen Hoffnung, er könne bei der Verleihung persönlich erscheinen?
Pynchons Debütroman »V.« wurde mit dem William Faulkner Foundation First Novel Award ausgezeichnet und machte ihn bekannt – das war um 1963. Als er 2004 in der Serie »The Simpsons« auftrat, existierten dennoch kaum O-Töne und nur ein paar Paparazzi-Schnappschüsse von ihm. Unscharfe Fotos eines Mannes beim Spaziergang in NYC mit dem dreikäsehohen Söhnchen an der Hand, die eine vage Ähnlichkeit mit jenem Typ offenbaren, den man von alten Navy-Porträts als Thomas Pynchon kennt – so sah das zirka 1997 aus. Jahrzehnte lang war es ihm gelungen, unbehelligt zu leben.
In der besagten Simpsons-Episode – leicht als bissige Reaktion auf die übergriffige Sensationsjournaille misszuverstehen –, erschien Pynchon als Witzfigur mit Tüte samt Fragezeichen über dem Kopf. Den Text hatte er persönlich eingesprochen, allerdings ganz ohne Beißreflex oder Ironie als bekennender Fan der Show, die auch sein Sohn Jackson mochte, hieß es. Pynchons Rolle bestand darin, den Debütroman von Marge Simpson zu kommentieren: »Thomas Pynchon loved this book almost as much as he loves cameras!«. Der PR-Boost nach über 40 Jahren Medienabstinenz heizte die Spekulationen um Leben und Werk noch mal richtig an. Aber Pynchons Abwesenheit tat der genaueren Betrachtung seines Textkörpers eigentlich nie einen Abbruch – im Gegenteil.
Die Pynchon-Exegese hat mit den Jahren Ausmaße angenommen, die der Autor 2006 schelmisch zum ersten Satz seines Romans »Against the Day – Gegen den Tag« verdichtete: »Now single up all lines!«. Was sich auf das Lösen der Leinen eines Luftschiffs bezog, konnte man auch als Aufforderung verstehen, jede Zeile des dicken Wälzers einzeln herumzudrehen – wie Steine auf dem Weg zur Auflösung eines kriminalistischen Rätsels. Eine Aufgabe, der die Nerds in diversen Pynchon-Wikis auch nur allzu gerne nachkommen, vielleicht fallen ja Erkenntnisse über Pynchons Existenz oder die Weltformel ab.
Für die einen bedeutet die Leerstelle Pynchon eine Utopie, andere fühlen sich allein durch die Fülle seiner Schöpfung erschöpft. Die über tausend Seiten von »Gegen den Tag« wurden mitunter besprochen, als handele es sich um ein Verbrechen gegen das Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Kritik feuerte aus schießschartengroßen Zeitfenstern: Wer soll (sich) die Beschäftigung mit einem so unhandlichen Ding noch leisten können? Als habe Pynchon es geahnt, taufte er das Richtung Weltausstellung in Chicago 1893 startende Luftschiff von Seite eins »Inconvenience« – womit er das Leichte und das Unbequeme seiner Arbeit in der Schwebe hielt.
Auch das Verhältnis zum Publikum blieb im Flugmodus. Auf den kleinen Finger, den Pynchon uns bei den Simpsons gereicht hatte, folgte bislang nicht die ganze Hand. Er braucht halt beide Hände zum Schreiben, und wer Texte versilbern muss, dem kann das Schweigen Gold wert sein. Manchmal trat er in jüngerer Zeit aber doch physisch in Erscheinung. Buch- und Filmtrailern lieh er die Stimme, spukte durch einen Clip seines deutschen Verlags Rowohlt. Alles nur Werbung in eigener Sache, das eherne Versteckspiel im Zeitalter des gläsernen Menschen?
Pynchons Imagepflege ist kaum als Eingeständnis an den Zeitgeist zu verstehen. Seine radikale Haltung zeigt sich darin nur genau so bestimmt wie in den Büchern, denen sowohl die strenge Zurückgezogenheit wie auch die pointierte PR genug Raum lassen, um für sich zu sprechen. Ja, was würden wir Thomas Pynchon überhaupt fragen wollen? – Mr. Pynchon, sind Sie Banksy? Mit dem Graffitikünstler teilt er immerhin die Verfolgung durch den intellektuellen Arm der Yellow Press, nicht jedoch das Faible für Politkitsch, außerdem ist so ein Sprayerleben notgedrungen geheimnisumwittert, viele Autor:innen schnappen dagegen gerne mal Talkshowluft.
Die öffentliche Fahndung nach Thomas Pynchon erinnert auch ein wenig daran, wie seine Helden aus »V.« der mysteriösen Titelfigur auf der Spur sind. Pynchons erster Roman liest sich wie eine Suchmaschine vor unserer Zeit, die zahllose Verweise ausspuckt, die sich zu Erzählungen verketten und doch nie einen zusammenhängenden Plot ergeben, da ursprünglich nach einem Begriff gesucht wird, der jeder Engine zu beliebig wäre, um eindeutige Narrative auszuspucken.
Weshalb V. ein Land oder eine Person oder alles Erdenkliche dazwischen, wenn nicht gar darüber hinaus Symbol einer gigantischen Verschwörung sein könnte. Es scheint fast so, als ob sich die Wirklichkeit allmählich als Abbild dessen präsentiert, was uns der Pynchon-Algorithmus seit jeher als reale Gegenwart vorschlägt. Und selbst wenn die in Pynchons Büchern grassierende Paranoia nur ansteckend für die Lesenden und keine wahrscheinliche Realität wäre, hätte er doch auf Anhieb einen Nerv getroffen.
Für die Gegenkultur aus der Zeit, als Pynchon »V.« schrieb, bedeutete Paranoia noch einen Zustand erhöhter Wachsamkeit, die Behörden witterten überall Subversive. Inzwischen sind Verschwörungserzählungen Mainstream, Internetmythen lassen die alten Griechen wie Neorealisten erscheinen. Wobei zeitgenössische Paranoiker die Faszination für Labyrinthe und für das konspirative Wirken derer da oben mit ihnen gemein haben. Anders gesagt: »Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens – man kann nie genug davon haben.« Dieser Satz aus Pynchons Dotcom-Bubble-Crash-Roman »Bleeding Edge« (2013) weht einem in »Schattennummer« wieder um die Nase, als es knallt. Willkommen im postantiken 21. Jahrhundert, auch wenn der Schlamassel in den 1930er Jahren beginnt, zwischen den Weltkriegen.
»Hicks drückt sich in der Gasse hinter Pasquales Bella Palermo herum, hört nudelwickelnde Geselligkeit, riecht Spaghettisauce, bratenden Knoblauch …« Und plötzlich … Ka-Boom! Schnüffler wie Hicks sind die typischen Helden der großen Ära der Noir-Kriminalromane, deren Atmosphäre Pynchon hier aufgreift. Nebenbei erfahren wir, woher diese zwielichtigen Figuren stammen. Echte Private Eyes erlebten ihre Hochkonjunktur zur Zeit der Prohibition, viele von ihnen hatten sich vorher als Streikbrecher verdingt, nun mussten sie sich mit untreuen Eheleuten herumschlagen. Misstrauen hatte die Privatsphäre erfasst, die blühende Kultur der illegalen, Alkohol ausschenkenden Speakeasys trug entscheidend dazu bei. Im Dunkeln lässt sich's gut munkeln. Ein neues Unterhaltungsgenre war geboren.
Hübscher Einstieg fürs imaginäre Interview. – Mr. Pynchon, ist der Hardboiled-Ermittler als Held so vieler Noir-Romane und -Filme angesichts seiner wahren Vergangenheit als Schläger vor Fabriktoren nicht Beispiel dafür, dass Politik und Pop eine fatale Liaison bilden? Aber im Grunde eine überflüssige Frage. Die Weigerung Pynchons, sich gängiger Verwertungslogik zu unterwerfen, führt die Verstrickung des Kulturbetriebs in die Machtverhältnisse schon bestens vor Augen. Und was Thomas Pynchon im Stillen dachte, als man ihm einst vorwarf, er schriebe nicht so effizient, wie die Umstände es verlangten, kann man sich auch selbst beantworten: Es ließ ihn ziemlich sicher kalt. Die Kritik bewies da schließlich nur ihre eigene Unfähigkeit, ein paar Schritte weiter in die Tiefe zu gehen. Dem Kulturjournalismus stand vor 20 Jahren das Wasser eben längst bis zu jenem Hals, an den Pynchon sich ihm nie hatte werfen wollen.
Den schleichenden Niedergang in politischen und kulturellen Angelegenheiten verknüpfte Pynchon bereits 1960 in seiner Erzählung »Entropie« mit dem gleichnamigen Ausdruck, der in der Physik die gesetzmäßige Zunahme von Unordnung bezeichnet. Nun leben viele Kulturschaffende nach dem Motto, dass sich eines Tages auszahle, was man nur lange genug betreibe und sich das Chaos folgerichtig schon irgendwann lichte – die unerträgliche Leichtigkeit des Seins auf dem Weg zu soliden Verhältnissen. Pynchons Bücher dagegen wimmeln vor Charakteren, die sich erfolglos in ihren Handlungen verlieren.
Detektiv Hicks McTaggart aus »Schattennummer« etwa stolpert seiner Bestimmung hinterher, ohne mehr davon zu haben als Sisyphos von seiner Plackerei. Mit diesem Aspekt der Detektivgeschicke kann der Autor sich offensichtlich identifizieren, auch wenn es die Figur nicht tröstet. Thomas Pynchon und Hicks McTaggart eint zudem die Gewissheit, nicht einen mickrigen Fall lösen, geschweige denn den Lauf der Geschichte beeinflussen zu können.
» – Hier geht’s nicht darum, Verbrecher vor Gericht zu bringen, oder dachtest du das etwa? Nein, eher nicht. Wenn wir das versuchen, nehmen sie uns die Lizenz. Wir machen nur Ermittlungen. Es ist, als wäre man im Kino: Sitz still, iss Popcorn und lass dir was erzählen. Mordfälle lösen ist was für Bullen. Für Anwälte und Richter, für alle, die jemand hängen oder im Knast sehen wollen.«
Für Netflix, Podcasts und sonstige True Crime-Jahrmarktsbuden oder den Wochenend-Club der Whodunnit-Rätselfreunde möchte man hinzufügen. Vom subtilen Kommentar auf solche modischen Erscheinungen abgesehen: Wenn die Spürnase und ihr Erfinder hier eine gewisse Machtlosigkeit als Essenz ihrer jeweiligen Tätigkeiten begreifen, wer weiß, vielleicht gehen die Übereinstimmungen zwischen ihnen so weit, dass nicht nur Hicks ein begnadeter Tänzer ist.
Pynchon is a Dancer?
Hicks McTaggarts täglicher Balanceakt auf den Straßen Milwaukees endet jedenfalls öfter damit, dass er in jenen Seilen hängt, die ihn über menschliche Abgründe führen, während er betrügerische Eheleute beschattet. So hangelt er sich von Fall zu Fall, hin und wieder fällt er auf die Nase oder legt eine heiße Sohle aufs Parkett. Dann brennt die Tochter des Al Capone der örtlichen Käsemafia mit einem Jazzmusiker durch. Achtung, Femme fatale! Vermutlich hat die erwähnte Explosion – Ka-Boom! – etwas damit zu tun, doch der Leidtragende des Anschlags ist in einem U-Boot abgetaucht. Jenes österreichisch-ungarische Unterseeschlachtross aus dem Ersten Weltkrieg wurde – unglaublich, aber wohl wahr! – zuletzt im Lake Michigan gesichtet, dem spirituellen Zentrum von »Schattennummer«.
Hicks begibt sich auf die Jagd nach der abtrünnigen Käseprinzessin. Der Trip führt zum See, ins nahe gelegene Chicago, übers Meer auf die flirrende Tanzfläche Budapest – und immer tiefer in die Geschichte hinein. Die Sache bleibt vielschichtig und undurchsichtig und stinkt zum Himmel, den kuriose Gestalten im Gyrocopter durchqueren, während sich unter ihnen weitere bemerkenswerte Transportmittel und deren skurrile Passagiere tummeln. Viel Input für den (seil-)tanzenden Detektiv. Und für uns. Ist das nun verdammt lässige Trivialliteratur oder kann das weg? Mal überlegen, also, wenn ein Cheeseburger hundert Metaebenen zwischen den Brötchendeckeln zusammendrückt, kann man ihn kaum mehr als Fast Food bezeichnen. Eine gewisse Kunstfertigkeit gehört schon dazu, ihn zu verschlingen.
Den Einflüsterungen der Medien sei nicht zu trauen, lautet eine heutige Binsenweisheit. Seit mehr als einem halben Jahrhundert macht Thomas Pynchon im Ganzen schwer zu verdauende aber in Häppchen leicht zu konsumierende Unterhaltung aus der sinngemäßen Maxime: Nicht an den Tatsachen, an ihrer Darstellung sollst zu zweifeln aber auch an denen, die sie in Zweifel ziehen! Sein beständiges Tun und Lassen mag prophetisch erscheinen in einer Zeit, in der sich wahre Begebenheiten als mediale Phänomene vervielfältigen und diese als Fakten multipliziert werden, inklusive zahlloser Kopierfehler. Logische Frage:
– Gibt es im postfaktischen Stille-Post-Spiel eine unverfälschte Wahrheit, und wie verhalten Sie sich als Schriftsteller dazu, Mr. Pynchon? Fragen kostet schließlich nix, aber wenn Literatur ein anderes Wort für verschlüsselte Nachricht wäre – und war die Arche Noah nicht in Wahrheit eine Bücherkiste, das trojanische Pferd nicht viel eher ein Schiff und Caroline Wahl als Autorin von »Die Assistentin« nicht selbst mal Assistentin bei Diogenes? – dann bliebe die Treue zum Code die wichtigste Botschaft, die Thomas Pynchon vermittelt.
In Pynchons »The Crying of Lot 49 – Die Versteigerung von No. 49« (1966) verbirgt sich ein alternatives Postsystem hinter dem Akronym WASTE, bei dem es sich entweder um die ausgeklügelte Unterwanderung des staatlichen Postmonopols oder um reine Einbildung handelt. Jede klare Antwort wäre in Pynchons Augen wohl mit einem Herrschaftsanspruch verbunden, über Text wie Mensch, demnach gibt es keine gute klare Antwort (und das unterscheidet ihn nebenbei von rechthaberischen und rachsüchtigen Charakteren vom Schlage eines Martin Eden oder eines Didier Eribon).
1973 setzte Pynchon nicht nur dem allen Gewissheiten abschwörenden, postmodernen Roman ein Denkmal, sein Instant-Klassiker »Gravity's Rainbow – Die Enden der Parabel« gemahnt an reale Scheußlichkeiten wie Weltkriege, Massenvernichtungswaffen, Nationalsozialismus und an die Wirklichkeit des modernen Kapitalismus. Eine harte Realität, die Autokraten, die ihre Staaten heute wie Unternehmen führen, längst als vermeintliches Relikt aus dem Zeitalter der Ideologien entsorgen. Kapitalismus? Auf den Müllhaufen der Geschichte mit dir! Rein rhetorisch wohlgemerkt. Zugleich fordert das System, seit jeher einer Art Künstlichen Intelligenz unterworfen, die wir den Markt nennen, der schon alles regeln wird, unerbittlich seine Opfer.
»Schattennummer« führt Hicks McTaggart bis an die Adriaküste in den ehemaligen Freistaat Fiume. Damals von Italien annektiert, gehörte er später zu Jugoslawien, und ist heute unter dem Namen Rijeka ein Teil Kroatiens. Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Nussschale – mit all dem Terror, den sie entfaltete, im Hinterkopf. Man könnte sagen, dass der Roman, der Vampire, Gedankenleser, Kommunisten, Nazis, Biker, Agenten, Adelige und Indigene durch Turbulenzen begleitet, die jedem Autopiloten den roten Faden der Navigation aus den Fingern gleiten lassen würden, in der Vorhölle jetziger politischer Verhältnisse spielt.
In den 1950er Jahren wollten konservative Vertreter der Soziologie den Klassenkampf zwar nicht in die Mottenkiste aber hinter der wachsenden Bandbreite der Massen verschwinden sehen. Mancher war davon überzeugt, dass die Ansprüche neuer Technologien verschiedenste Interessengruppen dazu bringen würden, an einem Strang zu ziehen. Hans Freyer beispielsweise betrachtete den Menschen als von seinen eigenen Antrieben entfremdeten Träger wechselnder Funktionen, der die vor sich gehenden Sachprozesse am Laufen zu halten suchte. Mag diese Beschreibung auch trefflich für Hicks McTaggart oder andere Romanfiguren Pynchons gelten, so ist Klassenkampf in den sie plagenden Romanszenarios beileibe nicht abgeschafft, sondern Grundmotiv für alle möglichen Formen der Ausbeutung und des Widerstands.
Als Pynchon 2003 gefragt wurde, ob er das Nachwort zur Neuausgabe von George Orwells 1949 erschienenem »1984« schreiben wolle, lag der Grund auf der Hand. Wer von Paranoia spricht, hat Überwachung im Sinn. Allerdings kommentierte Pynchon Orwells weltbekannte Fiktionalisierung von Stalins Überwachungsstaat nicht nur mit einem erwarteten Seitenhieb auf eine Gesellschaft, die ihre Daten inzwischen freiwillig übermittelt, indem jede/r Einzelne von uns sich selbst ausspioniert (ich hoffe, Sie alle haben ihre Handys während des Vortrags zumindest leise gestellt).
Pynchon betonte, dass Orwell bei aller Kritik am Stalinismus und seinen Verbrechen den Blick nicht vom mangelnden Einsatz der Labor Party für die Interessen der arbeitenden Klasse im eigenen Land abwandte. Damit zog Pynchon auch eine Linie ins echte Jahr 1984, in dem die britischen Bergarbeiter um ihre Jobs kämpften. Seine fünf Cent zur Frage, inwiefern Orwells Vision die Zukunft richtig vorhergesehen habe.
Pynchons Bücher beinhalten ebenfalls Science-Fiction-Elemente, sie werden gerne als »Tour de Force« klassifiziert, um die beeindruckenden mit den überfordernden Facetten der Lektüre in Einklang zu bringen. Dazwischen liegt immer mal wieder die Veröffentlichung seines »bislang zugänglichsten Romans«. So gesehen ist »Schattennummer« vielleicht seine bis dato zugänglichste Tour de Force, voller Hommagen an die Schönheit der Sprache, etwa der ungarischen, und ein einziges Eingeständnis an die Notwendigkeit, die klingendsten Worte zum Zwecke der Beschreibung menschlicher Dummheit zu benutzen, die bei aller Postmodernität unzweifelhaft ins Verderben führt.
Was den musikalischen Autor nicht davon abhalten kann, die Story mit einer optimistischen Note enden zu lassen. Der Grund ist womöglich derselbe, den er George Orwell für die hoffnungsvollen Schlussakkorde des »1984«-Appendix »The Principles of Newspeak« – einem Klassiker zur Wirkungsmacht der Sprache aus der Literatur – unterstellt: die verantwortungsvolle Liebe zum eigenen Kind, die er aus einer Fotoaufnahme von Orwell und dessen Adoptivsohn herausliest, jener nicht unähnlich, die 1997 ungefragt von ihm und seinem Sohn Jackson beim Bummel durch New York gemacht wurde.
Wer in Thomas Pynchon nur einen satirischen Witz erkennen mag, und dies durch den Simpsons-Auftritt bestätigt sah, dem mag die Konsequenz seiner performativen Schrullen allein deshalb komisch erscheinen, weil das Lachen darüber ein peinliches Lachen über den eigenen Wankelmut kaschiert. Hunderte Seiten des Romans »Mason & Dixon«, die Pynchon in der Sprache des 18. Jahrhunderts verfasste – auch Satire?
Ironischerweise erhielt er ausgerechnet dafür 1997 keine literarische Auszeichnung, aber einen Witz sollte man doch schneller erzählen können, und heute würde nicht einmal eine KI über die immensen Anstrengungen hinter diesem ästhetischen Wahnsinnsunternehmen lachen. Pynchons Romane haben allesamt etwas Zauberhaftes an sich, mit diesem entfachte er wahre Magie: Die Reise durch Amerika entlang der von Mason und Dixon gezogenen Grenzlinie zwischen Nord- und Südstaaten führt bis ins Innere der Erde.
Zum Kern der Verhältnisse eben.
Man hätte dem literarischen Abenteuer einen filmischen Interpreten wie Ex-Monty Python Terry Gilliam gewünscht. Nicht nur, weil der ein Buch zu schätzen wüsste, dessen DNA auf einer Doppelhelix aus Vernunft und Phantasie basiert, sondern wegen seiner gescheiterten Versuche, »Don Quijote« zu verfilmen. Gilliams Engagement wäre kaum ein Widerspruch gewesen zur allgemeinen Überzeugung, Pynchons Bücher seien unverfilmbar. Ein Gerücht, das sich vor zehn Jahren mit Paul Thomas Andersons Adaption von »Inherent Vice – Natürliche Mängel« überraschend erledigte.
Anderson wagte es als erster, einen von Pynchons angeblich »mäandernden« Romanen, die jeweils Stoff für zahllose Bücher böten, auf die Leinwand zu bringen. Zugegeben, sie sind ausufernd und laufen doch wieder zusammen, sagen wir wie ein mehrstündiges Grateful Dead-Set.
Und wo wir gerade dabei sind: Erscheint es nicht plausibel, sich Pynchon als Deadhead vorzustellen, als Fan der psychedelichsten aller Rockbands, der ihr womöglich sogar bei ihrer legendären Tour 1973 von Gig zu Gig nachreiste? Es wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen für den Autor, sich nach der strapaziösen Arbeit an »Die Enden der Parabel« eine bewusstseinserweiternde Auszeit zu gönnen. Ebenso nachvollziehbar hätte er sich dann den in Kalifornien gestrandeten Alt-Hippies zuwenden können. Am so entstandenen Roman »Vineland« (1990) wiederum orientiert sich Paul Thomas Andersons reichlich mit Oscars beschenkter Film »One Battle After Another«.
Plötzlich wirkt dieser Anderson prädestiniert für Pynchon-Verfilmungen. Der Filmemacher setzt nun mal auf Schauspielstars, die seine eher zwanglosen Drehbücher mit Charisma zusammenhalten, gewissermaßen die perfekte Ergänzung zu Pynchons Technik, Romancharaktere wie Funktionsträger zu behandeln. So erhielt »Natürliche Mängel«-Protagonist Doc Sportello, Pynchons dauerbekiffte Referenz an Erkundungen des Inner Space, wie sie in den 1960er Jahren unter Sinnsuchenden üblich waren – und damit eine Anspielung auf alternative, vielleicht ja auch eigene Formen der Ermittlungen paranoischer Zustände, die vom Konsum unerlaubter Substanzen herrühren –, in Andersons Version ein menschliches Antlitz: Joaquin Phoenix.
»Wäre New York eine Figur in einem Kriminalroman«, zitiert Thomas Pynchon einmal den Kollegen Donald E. Westlake, dann wäre sie »der geheimnisvolle Verdächtige, der die wahre Geschichte kennt, aber nicht vorhat, sie zu erzählen.« Vieles bleibt im Dunkeln bei der Pynchon-Recherche und somit der Phantasie überlassen. Nach einer Runde Googlen wird sie zwangsläufig angeregt. Man stellt sich die verrücktesten, weil gewöhnlichsten Dinge vor, die Thomas Pynchon inmitten des Big Apple tun könnte – sei es mit dem Gesicht von Joaquin Phoenix, im Navy-Matrosenanzug oder mit Papiertüte samt Fragezeichen über dem Kopf.
Geradezu filmreif erschiene es zum Beispiel, wenn Thomas Pynchon von einer Touristengruppe aus Milwaukee gebeten würde, sie mit dem Handy zu fotografieren und beim Knipsen an ihre fotogene Seite appellierte: »Say Cheeeeeeese!« Woraufhin er, froh darüber, selbst kein Smartphone zu besitzen, ein Jazzstück im Ohr und eine zündende Idee im Kopf – Ka-Boom! – , wieder in der Menge abtauchte und für sein hohes Alter recht beschwingt heimginge, womöglich dem Duft einer frischen, mit ordentlich Knobi gewürzten Spaghettisauce aus der heimischen Küche folgend, um schließlich im Arbeitszimmer für ein paar Stunden im Text zu versinken. Nicht ohne sich unterwegs ab und an umzuschauen, als wäre er die Figur in einer Detektivgeschichte.